Der Niederbarnimer Kulturbund Bernau e. V.
Niederbarnimer Kulturbund Bernau e. V.
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Geschichte des Kulturbundes

65 Jahre Kulturbund im Niederbarnim

- 65 Jahre Eintreten für kulturelle Vielfalt

 Am 04. Juli 1945 - vor mehr als 65 Jahren trafen sich im großen Sendesaal des Berliner Rundfunks über 1000 Intellektuelle, um den "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" zu gründen. Als Ziel des Vereins formulierten sie die grundlegende Erneuerung des geistigen und kulturellen Lebens, wofür Mitstreiter unterschiedlicher politischer und konfessioneller Richtungen gewonnen werden konnten. Johannes R. Becher (spricht), Anna Seghers, Otto Nagel, Bernhard Kellermann gehörten dazu, wie auch der berühmte Arzt Prof. Dr. Theodor Brugsch oder die Politiker Ernst Lemmer (2. v. l.) und Dr. Ferdinand Friedensburg (ganz rechts).

 

 

Wenige Tage später - am 20. Juli 1945 - trafen sich Bürger unserer Region in Bernau zur Gründung der Wirkungsgruppen des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" in Bernau und Zepernick. Helmut Rosenberg (rechts), der Komponist, damals Stadtrat für Schulen und Kultur in Bernau und der Musiker Heinz Nitschke waren die Initiatoren.

 

 

Der "Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" wies mit seinen Grundsätzen in die Zukunft. Antifaschismus, Toleranz und Menschlichkeit schrieb er auf seine Fahne. Das Gespräch zwischen Marxisten, Christen, Intellektuellen und Künstlern, Schriftstellern und ihren Lesern - gleich welcher ideologischen Richtung - war oft Hauptinhalt der Kulturbundveranstaltungen der ersten Jahre. Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen, Vorträge und Theaterbesuche wurden organisiert. Ein Orchester entstand.

 

   

Bei allen Veranstaltungen waren die Räume

fast bis auf den letzten Platz gefüllt.

Trotz der katastrophalen Lebensumstände

war der Hunger nach geistiger Nahrung

offensichtlich nicht geringer als der nach Brot.

Dies bringt auch das folgende Gedicht unseres

Ehrenmitgliedes Charlotte Lohoff,

die seit 1946 dabei ist, zum Ausdruck.

 

Das war in jenem Sommer

im fünfundvierziger Jahr,
das reich an Sorg und Kummer,
und arm an Freuden war.

Vom Acker schlepp ich müde
mich heimwärts durch die Stadt;
da klein und handgeschrieben,
ein Zettel, ein Plakat.

Sucht jemand seine Leute?
Ist jemand heimgekehrt?
Da stand - ich seh's wie heute -
Einladung zum Konzert.

Im grauen öden Saale,
erfüllt von Staub und Dunst,
erblühte schön und strahlend
das Zauberreich der Kunst.

Von Schmerz und Trauer kündend,
verzagt und matt von Leid,
doch siegreich überwindend
zu lichter Heiterkeit.

Bald tönt wie ernstes Mahnen
der dunkle Celloklang;
bald lässt er Trost uns ahnen
wie einer Muttersang.

Aus Geigensaiten heben
sich Weisen zart und rein.
Wie leichte Falter schweben
sie in das Licht hinein.

Und Menschenmund gibt Schwingen
des Friedens gutem Lied,
das Schwere zu bezwingen,
das uns zu Boden zieht.

Wohl niemals hat das Schöne
mich tiefer angerührt,
hab die Gewalt der Töne
ich mächtiger gespürt.

Wie dies nach all den Schrecken
mich wieder hoffen hieß -
das war ein Neu-Entdecken,
das in die Zukunft wies.

 

In den Jahren 1947 - 1949 gab es einschneidende Veränderungen im Kulturbund. Er wurde im amerikanischen Sektor von Berlin durch die Besatzungsmacht verboten, was dann bis 1949 in allen westlichen Besatzungsgebieten geschah. 1951 stand auch in der DDR der Kulturbund in Frage. Unpolitisch war der Kulturbund nie. Becher schwenkte auf die Linie der SED ein, sicherte damit die weitere Existenz der Organisation, die damit aber Vieles von ihrem Selbstverständnis verlor, was auch zu einer Namensänderung in "Deutscher Kulturbund" führte. Er verlor viele Mitglieder, als er sich zum Aufbau des Sozialismus bekannte. Ungeachtet dessen waren es seine Mitglieder, die selbsbewusst und emsig an den Traditionen des "Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" festhielten: Antifaschismus, Toleranz und Menschlichkeit.

Am 29. März 1962 wurde in Bernau der "Klub der Intelligenz" gegründet und erhielt am 18. September den Namen "Hermann Duncker". Sein Domizil wurde über viele Jahre die Berliner Straße 3. Eine der großen deutschen Schriftstellerinnen, Christa Wolf, trug sich 1963 ins Gästebuch ein. Dramaturgen, Regisseure, Schauspieler Berliner Bühnen gaben sich im Klub die Klinke in die Hand.

Besonders zu erwähnen sind die herzlichen Beziehungen, die zwischen dem Klub und ausländischen Kulturzentren in Berlin enstanden. Großen Anteil an diesen Initiativen hatte Herr Schwarz, der zu dieser Zeit als Kreis- und Klubsekretär arbeitete. Mit Ausscheiden von Herrn Schwarz aus Altersgründen im Jahr 1967 begann eine Zeit der Stagnation des Kulturbundes im Kreis Bernau. Oft wechselten die Hauptamtlichen und die ehrenamtlichen Bundesfreunde waren auf sich allein gestellt. Nur solchen Aktivisten wie Friedrich Ruhrberg, der lange Jahre Vorsitzender der Kreisorganisation war - heute Ehrenmitglied des Niederbarnimer Kulturbundes Bernau e. V. - oder Dr. Horst Liesack, dem Klubratsvorsitzenden ist der Fortbestand des Kulturbundes bei uns zu verdanken.

 

1974 begann die Zeit der Isolde Schwabe im Kulturbund des Kreises Bernau. Das ist eine kuriose Geschichte. Nach schwerer Krankheit konnte sie ihre Tätigkeit als Lehrer nicht wieder aufnehmen. In dieser Zeit erhielt sie, initiiert durch einen Mitarbeiter der SED-Kreisleitung, vom 1.Bezirkssekretär des Kulturbundes Frankfurt/ Oder die Anfrage, ob sie nicht eine Arbeit im Kulturbund aufnehmen möchte. Völlig unwissend und unvorbereitet nahm sie das Angebot an. "Sie brauchen nur ein paar Stunden täglich dort zu sein. Die Hauptsache, es ist jemand als Ansprechpartner da", waren die Worte des Bezirkssekretärs. So vorbereitet, betrat sie das Büro in der Breitscheidstraße 21 (heute das Geschäft von Elektro-Fritzke). Ein bescheidener Anfang aber auch ein Indiz dafür, welche Bedeutung man dem Kulturbund "oben" beimaß. Aber da hatte man Isolde Schwabe unterschätzt. Mit sich verbessernder Gesundheit und Leistungskraft ergriff sie die Initiative. Als erstes wurde die Klubarbeit wieder aktiviert, neue Veranstaltungsreihen ins Leben gerufen. Zum ersten Mal erlebten wir Hans-Joachim Scheitzbach und seine Musiker (mit recht bescheidener Besucherresonanz), prominente Kammermusiker waren zu Gast, wie zum Beispiel Kammersänger Rainer Süß, das Erben-Quartett und das Mendelssohn-Quartett aus Leipzig. Die Ortsgruppen erhielten Hilfe und wurden aus dem Dornröschenschlaf geweckt, neue Ortsgruppen des Kulturbundes entstanden. Schon Mitte der 70er Jahre arbeiteten im Klub und in den Ortsgruppen ca. 10 Arbeits- und Interessengemeinschaften. Wie in anderen Kreisen bereits seit 1972, in dem Jahr als der "Deutsche Kulturbund" in "Kulturbund der DDR" umbenannt wurde, entwickelte sich der Kulturbund zu einer Massenorganisation kulturell tätiger und interessierter Bürger

 

Jetzt begann auch die ehrenamtliche Tätigkeit des Otto Schwabe im Kulturbund. Es fing mit der Mitarbeit in der AG Fotografie an. Bald übernahm er ehrenamtlich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Es ging weiter vorwärts. Probleme gab es jedoch viele in dieser Zeit. Die Berliner Straße 3 musste aus bautechnischen Gründen aufgegeben werden

 

Unser Klub zog in den fertiggestellten Bau der HO-Gaststätte "Am Steintor" um. Es war wie ein Neuanfang. Neue Veranstaltungsreihen wurden kreiert. Das "Konzert am Sonntagnachmittag" mit Hans-Joachim Scheitzbach wurde zum Renner innerhalb der vielen Veranstaltungsreihen. Stets war der große Klubraum bis auf den letzten Platz besetzt.

 

1984 gab Otto Schwabe seine Arbeit als Lehrer auf und erhielt die Berufung zum Kreissekretär des Kulturbundes im Kreis Bernau. Isolde leitete als Klubsekretär die Arbeit im Klub "Hermann Duncker". Es war eine Zeit großer Turbulenzen, die den Kulturbund in Bernau durch die 80er Jahre begleiteten.

 

Nach der Restaurierung des Kantorhauses zog er mit dem Büro und kleineren Veranstaltungen dorthin. In diesem wunderschönen Ambiente konnte man sich wohl fühlen. Leider musste es auf Betreiben des Rates des Kreises verlassen werden. Der Kulturbundarbeit tat dies jedoch nur wenig Abbruch. Es gab weiterhin Lesungen, Vorträge, Diskussionen und Konzerte.

 

An ein Konzert erinnert sich Otto Schwabe ganz besonders: "Es war der 25. März 1987. Der polnische Pianist Andrej Jasinski gastierte bei uns. Das Konzert war in vollem Gange als plötzlich ein Polizist in den Klub hineinsah und mich nach draußen winkte. Eine große Polizeiformation war im Hause. Es hatte eine Bombendrohung gegeben. Das Konzert musste unterbrochen werden, uns schickte man auf die Straße. Nach etwa einer halben Stunde hieß es 'Blinder Alarm'. Wir gingen in den Klub zurück und setzten das Konzert fort - es war und blieb unser 'BombenKonzert'."

Ein großer Erfolg wurde auch der Polit-Frühschoppen am Sonntagvormittag. Prominenter Gast war u. a. Professor Jürgen Kuczinski, der mit seinem Buch "Briefe an meinen Urenkel" lange Gesichter und Unmut beim Politbüro hervorrief. Sicher wurde auch der Polit-Frühschoppen mit ihm vom hiesigen MfS und der SED-Kreisleitung nicht gerade mit Freude aufgenommen. Der ehemalige Minister für Kirchenfragen Professor Kazimierz Kokol referierte über die Rolle der Medien in Polen. Auch das erfreute die Oberen im Kreis gewiss nicht. Der Kulturbund wurde häufig kritisiert von ihnen besonders jedoch Otto Schwabe. Das brachte ihm bei manchen den Namen "Kulturpartisan" ein. Als Abwertung seiner Arbeit gedacht, hat er es als Positivum betrachtet. Der Kulturbund in unserem Kreis wurde in dieser Zeit eine Heimstatt für Andersdenkende und Querdenker. Es hat niemals eine Einschränkung der Redefreiheit gegeben, obwohl das des Öfteren in der Kreisleitung der SED als auch im Kreisvorstand des Kulturbundes zu kontroversen Diskussionen geführt hat.

Mit der Gründung der Gesellschaften im Kulturbund konnte ein stetiger Anstieg der Mitgliederzahlen verzeichnet werden:

  • Die Gesellschaft für Natur und Umwelt hatte wesentlichen Anteil an der Erschließung neuer Naturschutzgebiete und dem Schutz bedrohter Tierarten. Die Mitglieder brachten Nistkästen im Stadtpark an, schufen Nisthilfen für Weißstörche und kümmerten sich eifrig um den Erhalt dieser Population im Kreis. Einige Arbeitsgemeinschaftsmitglieder tun dies noch heute.
  • Die Gesellschaft für Denkmalpflege trug dazu bei, dass Bernau heute nicht aus einem Konglomerat von Hochhäusern besteht und einige historische Bauwerke erhalten blieben.
  • Die Gesellschaft für Fotografie erregte mit ihrer 1. Kreisfotoschau Aufsehen über die Kreisgrenzen hinaus.

Es entstanden Beziehungen zu Künstlern, die bis heute Bestand haben, so zum Beispiel zu Hans-Joachim Scheitzbach, Nina und Thomas W. Mücke und Erika und Claus Hopke.

Bis 1989 stieg die Mitgliederzahl auf 1.200, die in 13 Ortsgruppen, dem Klub "Hermann Duncker" und ca. 40 Arbeits- und Interessengemeinschaften organisiert waren. Dabei waren solche Unikate wie

 

  • die Modelleisenbahner, die in regelmäßigen Abständen Tauschmärkte im "Steintor" durchführten, die Liebhaber aus allen Teilen der DDR anzogen,
  • die Feuerwehrhistoriker aus Wandlitz, die eine prächtige Show in ihrem Programm hatten.
  • Die "Kleine Galerie" in Werneuchen wurde sogar vom Präsidialrat des Kulturbundes bestaunt.
  • Der Jugendklub "Hermann Duncker" organisierte große Rockkonzerte im "Steintor" unter anderem mit der Rockband "Floh de Cologne" aus Köln und "Simlpe Song" aus Dresden. Hier engagierte sich außer als Kasierer auch die jüngere Tochter Sabine der Familie Schwabe bis zu ihrem Studium.
  • Die Skatgemeinschaften hatten stets großen Zuspruch, so nahmen in Zepernick sogar Westberliner Skatfreunde an den Spielabenden teil.
  • Numismatiker, Philatelisten, Aquarianer, Kakteenzüchter, Rhododendronfreunde und eine Computergruppe (damals noch etwas Exotisches) zeigten die ganze Breite der Betätigungsfelder unserer Organisation.
  • Es wurde sogar ein privater Sammler alter Lokomotiven und Eisenbahnwagen unterstützt, die er in seinem Garten in Zepernick zur Schau stellte.Die "Schreibenden Werktätigen" kamen vom FDGB zum Kulturbund. Es entstanden nicht lizensierte Anthologien unter der Leitung des Schriftstellers Karl-Heinz-Tuschel.
  •  Das Puppentheater wurde bis 1989 professionell vom Chefdramaturgen des Berliner Puppentheaters, Gotthard Feustel angeleitet. Bis zu seiner Auflösung im Jahr 2010 profitierte es davon. 

 

Eine besondere Rolle spielte in diesen Jahren die "Kleine Galerie" des Kulturbundes im "Steintor". Dank der großartigen Unterstützung von Erika und Claus Hopke entstanden regelmäßig wechselnde Ausstellungen von bedeutenden, aber auch von jungen Künstlern der DDR. Es mögen mehr als 50 gewesen sein.

Höhepunkte dieser Jahre waren die "Tage der Wissenschaft und Kultur". Aus diesem Anlass wurden in einer Woche im gesamten Kreisgebiet bis zu 40 Veranstaltungen durchgeführt. Künstler, Wissenschaftler, Pädagogen und Ärzte sprachen über ihre Arbeit und zeigten ihr Können.

 Die Jahre 1989 und 1990 waren wieder ein Wendepunkt in der Geschichte des Kulturbundes. Am 22. November 1989 trat in Berlin das Präsidium des Kulturbundes zurück. Vom 22. - 23. März 1990 fand in Potsdam ein außerordentlicher Bundeskongress statt. Nach einer kontroversen Diskussion über die Auflösung oder Erhaltung des Kulturbundes entschieden sich die Delegierten für die Fortsetzung der Arbeit unter dem Namen "Kulturbund e. V." (www.kulturbund.de).

 Die Frage der Auflösung oder Erhaltung des Kulturbundes stand 1990 auch in Bernau. Die Bundesfreunde entschieden sich fürs Weitermachen. Es wurde nach einem Neuanfang gesucht und er wurde gefunden. Die Anfänge waren bescheiden. Durch die aufopferungsvolle Tätigkeit von Charlotte Lohoff und Irmgard Borchert ging es weiter und es begann die Suche nach neuen Strukturen. Den Ortsgruppen und Arbeitsgemeinschaften wurde freigestellt, mit dem Kulturbund Bernau zu gehen oder aus eigener Kraft einen Weg zu finden.

 

In Bernau wurde sofort weitergemacht in einem kleinen Büro im Kreiskulturhaus in der Breitscheidstraße 23, in dieser Einrichtung konnten auch die ersten Veranstaltungen durchgeführt werden. Zeitweilig war ein Raum in der Bürgermeisterstraße 3 unser Domizil. Zwei ABM-Kräfte standen damals zur Verfügung, von denen wir uns aber bald trennten.

 

1992 beschloss die Jahreshauptversammlung, den Kulturbund als Verein eintragen zu lassen und ihm den Namen "Niederbarnimer Kulturbund Bernau e. V." zu geben. Langsam ging es aufwärts.

 

Dann wieder ein Rückschlag. Wegen Restitutionsansprüchen mussten wir aus der Breitscheidstraße 23 ausziehen. Gemeinsam mit Frau Blaser, dem "Treff 23" und den Mitgliedern unseres Vorstandes kämpften wir beharrlich um unsere heutige Wirkungsstätte in der Breitscheidstraße 41 a. Es war eine schwierige Geburt. Noch vor der offiziellen Eröffnung konnten wir hier Anfang April 1995, also vor mehr als 15 Jahren die erste Veranstaltung mit Peter Ensikat und unserer heutigen Kulturbundpräsidentin, der Sängerin Barbara Kellerbauer durchführen. Nur mit ehrenamtlich tätigen Kräften schafften wir es, in dieser Region wieder die Nummer eins bei der kulturellen Betreuung der Bürger zu werden, darauf sind wir stolz.

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